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Presse- und Informationsamt der Hansestadt Lübeck:
Zwangsarbeit in Lübeck - eine Ausstellung

Eine Sonderausstellung mit dem Titel "Ich erinnere mich nur an Tränen und Trauer... - Zwangsarbeit in Lübeck von 1939 - 1945" eröffnete der Senator für Kultur, Bildung, Sport und Jugend, Ulrich Meyenborg, am Sonntag, dem 4. Mai in der Geschichtswerkstatt Herrenwyk. Für die Ausstellung wurden Schilderungen von Zeitzeugen, Aktenfragmente, Fotos und seltene Dokumente wie in einem Kaleidoskop zusammengetragen. Sie ergeben ein anschauliches Bild der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter.

Etwa acht Millionen Menschen wurden während des Zweiten Weltkrieges als Kriegsgefangene oder "zivile Fremdarbeiter" zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt, davon über 20.000 nach Lübeck. In einem dichten Ring von über 80 Barackenlagern rund um die Stadt verteilt lebte der Großteil von ihnen in elenden Verhältnissen.

Der Historiker Christian Rathmer hat in zweijähriger Tätigkeit die Geschichte dieser Menschen in Lübeck erforscht. Die Aktenlage in öffentlichen und privaten Archiven war ausgesprochen spärlich. Eine der wichtigsten Quellen sind die Lebenserinnerungen von Zeitzeugen. Zusammen mit der Ostslawistin und Historikerin Katja Freter-Bachnak nahm Rathmer eine Fragebogenaktion vor. Etwa 1.200 ehemalige Zwangsarbeiter aus der Ukraine, Weißrußland und Rußland, die während des Zweiten Weltkrieges in Lübeck waren, wurden angeschrieben. 350 Antworten sind


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[Abb.: Elena Mogilnaja, eine damals 17jährige Zwangsarbeiterin aus Beljazerkow/Ukraine, war im letzten Kriegsjahr im Lübecker Bauschädenamt eingesetzt]


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mittlerweile eingegangen. Auch Zeugnisse aus anderen Ländern und Erinnerungen wurden zusammengetragen.

In den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten wurde die Bevölkerung aufgrund verschiedener Sondererlasse zum Arbeitseinsatz im Deutschen Reich gezwungen. Etwa die Hälfte aller Zwangsarbeiter kam aus der damaligen Sowjetunion, rund ein Viertel aus Polen. Die übrigen stammten hauptsächlich aus Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Italien. Vor allem im Osten gingen die Deutschen und ihre Kollaborateure häufig äußerst brutal vor: Vornehmlich auf junge Frauen und Männer zwischen 16 und 21 Jahren wurde Jagd gemacht, manchmal wurden ganze Familien mit Kleinkindern mitgenommen. Wer sich weigerte, wurde erschossen.

Alle kriegswirtschaftlich wichtigen Betriebe waren am Kampf um die begehrten Arbeitskräfte beteiligt. Sie meldeten ihren Bedarf beim Arbeitsamt an, das die Verteilung vornahm. Die Verschleppten arbeiteten vor allem in der Lübecker Rüstungsindustrie, in Fabriken wie Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik / Maschinenfabrik für Massenverpackungen in Schlutup, Berlin-Lübecker Maschinenfabriken und Dornier am Glashüttenweg, bei Dräger, Flender, bei der Lübecker Maschinenbau-Gesellschaft, Lubeca und im Hochofenwerk. Zwangsarbeiter fand man auch in kommunalen Betrieben wie etwa im Bauschädenamt oder bei den Stadtwerken, bei der Reichsbahn, im Hafen, bei der Luftwaffenerprobungsstelle auf dem Priwall sowie in größeren Haushalten und Handwerksbetrieben. In der Rüstungsindustrie wurden sie bei der Produktion von U-Booten und Torpedos, Maschinengewehren, Bomben, Sprengstoff und Munition aller Kaliber eingesetzt.

Die Ausstellung in der Geschichtswerkstatt Herrenwyk ist noch bis Ende des Jahres zu sehen.


Veröffentlicht in den Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte (Kiel) Heft 31 (Juni 1997) S. 72-74.


Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte Heft 31

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