Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel

Gründung und Anfänge

Das "Institut für Weltwirtschaft" wurde 20. Februar 1914 im Schloßgarten 14 als "Königliches Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft" eröffnet und zog 1920 ins Kruppsche Anwesen an der Förde um. Das Institut war ein selbständiger Teil der Universität Kiel und stellte mit der "wissenschaftlichen Erforschung der weltwirtschaftlichen Bezieh-ungen" eine neue Forschungsrichtung in den Mittelpunkt. Unter der Leitung des ersten Direktors, Bernhard Harms, begann der systematische Ausbau der Bibliothek, die Herausgabe verschiedener Zeitschriften und die Errichtung eines Wirtschaftsarchivs. Im I. Weltkrieg wurde ein Kriegsarchiv angelegt und sich u.a. mit den "kriegswirtschaftlichen Maßnahmen der Gegner Deutschlands und (den) Bestrebungen zur Verdrängung Deutschlands vom Weltmarkt" beschäftigt. In der Weimarer Republik erarbeitete sich das Institut mit Hilfe seiner Forschungsabteilungen über Kiel hinaus einen Ruf als die kompetente Stelle für internationale Wirtschaftsfragen.

Das Institut im Nationalsozialismus

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Bernhard Harms als Professor an der Universität abgesetzt, weil er den neuen Machthabern als "republikfreundlich" galt. Er blieb noch Institutsleiter und konnte sich kurzzeitig der Vertreibung "jüdischer" Mitarbeiter am Institut durch die SA widersetzen, gab dann aber im Juni die Leitung aufgrund massiven Drucks auf. Sein Nachfolger wurde der überzeugte Nationalsozialist Jens Jessen, der wegen Auseinandersetzungen mit Staat und Partei im Januar 1934 an die Uni Marburg strafversetzt wurde und Bekanntheit erlangte, weil er im Juli 1944 zum Kreis des Widerstandes gegen Hitler gehörte und deswegen hingerichtet wurde. Auf ihn folgte vom Juli 1934 bis November 1945 der langjährige Mitarbeiter von Bernhard Harms, Andreas Predöhl. Dieser war wahrscheinlich weder NSDAP-Mitglied noch fanatischer Anhänger des NS-Regimes. So wurde unter seiner Leitung die Bibliothek nicht von "jüdischen" Autoren "gesäubert" und bis weit in den II. Weltkrieg hinein ausländische Literatur angekauft. Zudem sprach sich Predöhl in Zeitschriftenaufsätzen in der Tendenz gegen eine ideologische Vereinnahmung der Weltwirtschaftsforschung bzw. -wissenschaften aus. Aus Nachkriegssicht (1968) stellte er seine Arbeit so dar: "Ich habe eines der größten und exponiertesten kulturwissenschaftlichen Institute der Welt, das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel, mit seinem ganzen internationalen Ansehen und seinen sämtlichen Auslandsverbindugnen unversehrt durch die NS-Zeit gesteuert." Diese Aufgabe hätte er nur schaffen können, indem er den Machthabern nicht als illoyal galt, so Predöhl: "ich mußte das bestmögliche Verhältnis zum NS-Regime herstellen, ohne auch nur in einem einzigen Fall die Wissenschaft dem Regime zu opfern."

Diese Sichtweise blendet aber entscheidendes aus: Das "normale" Weiterarbeiten des Instituts lag im Interesse der nationalsozialistischen Kriegs- und Wirtschaftspolitik. Es ging darum, wissenschaftliche Gutachten über die Wirtschaft bestimmter Länder, deren Infrastruktur, Rohstoffe und allgemeine Lage erhalten zu können. Solche Daten konnten von großem Nutzen sein, denn sie dienten als Grundlage für eine Großraumwirtschaft im geplantem Krieg, als Ausgangsbasis für die Vierjahrespläne und konnten Einfluß haben auf die Kriegsführung selbst. Die im Institut erstellten über 2.000 Geheimgutachten für Wehrmacht, Ministerien, Großbanken und Industrieunternehmen belegen die Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeiten eindrucksvoll. Dementsprechend verwundert es nicht, wenn Gauleiter Hinrich Lohse zum 25jährigen Bestehen des Instituts Predöhl für dessen Engagement gratulierte: "... gerade ihrer Initiative ist es zu danken, daß die Arbeit mit nationalsozialistischem Geiste erfüllt wurde. War das Institut bis zur Machtübernahme Pflegestätte liberalistischen Denkens, so hat es jetzt als erstes und auch einziges seiner Art den Beweis erbracht, daß die nationalsozialistische Wirtschaft ... der Forschung weitestes Tätigkeitsfeld bietet. ... Ihre Arbeit wickelt sich ja nicht vor den Augen der Öffentlichkeit ab, sondern ist stiller Art wie alle Wissenschaft. Aber auch die Erfolge des Instituts sind nur einem kleinen Kreis sichtbar, obwohl sie der Gesamtheit dienen."

Das Institut im II. Weltkrieg

Schon zu Beginn des Krieges hob Predöhl in einem geheimen Brief an das Reichsministerium für Wissenschaft die Wichtigkeit der Gutachten des Institus für das Oberkommando der Wehrmacht hervor, wozu er in der Nachkriegszeit meinte: "Ich hatte mit dem Wehrwirtschaftsgeneral Thomas vereinbart, daß wir im Kriegsfalle für seinen Stab arbeiten würden. Das rettete das Institut im August 1939 vor der Schließung. Es sicherte uns auch gegen Eingriffe der Partei. Der Wehrwirtsschaftsstab bereitete sich generalstabsmäßig auf alle Schachzüge der Kriegsführung vor." Die kriegswichtige Rolle des Instituts für das NS-Regime im II. Weltkrieg bekam es auch im März 1941 durch das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt bescheinigt: "Das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel ist ständig in grossem Umfang mit wissenschaftlichen Forschungsarbeiten für das OKW, Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt beschäftigt...". Predöhl formulierte dies 1943 so: "Das Institut für Weltwirtschaft ist sich bewußt, daß es gerade auch im Kriege eine große wissenschaftliche Aufgabe zu erfüllen hat. Es wird dieser Aufgabe auf allen Gebieten seiner Tätigkeit über alle Schwierigkeiten sachlicher und personeller Art hinweg gerecht werden, wie lange der Krieg auch dauern mag."

Ab 1942/43 hatte das Institut dann die führende Rolle in allen Auslandsfragen der Wirtschaftswissenschaften übernommen und erhielt im Laufe des Krieges auch finanziell das Monopol auf alle kriegswichtigen Forschungsarbeiten für das Feldwirtschaftsamt, das ehemalige Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt.

Predöhl legte im Krieg verschiedene Aufsätze vor, in denen er sich u.a. mit dem Nutzen der Wirtschaftswissenschaften für die "gelenkte Wirtschaftsführung" und die Wirtschaftspraxis in Deutschland, die Vierjahrespläne und der Konzeption einer "Europäischen Großraumwirtschaft" befaßte, d.h. die Aufteilung Europas in mehr oder weniger vom Deutschen Reich abhängige Wirtschaftszonen. Über diese Aufsätze hinaus war Predöhl als Leiter des Instituts Mitglied in verschiedenen Gesellschaften, in denen Planungen für eine "Neuordnung Europas" angestellt wurden.

Gegen Ende des Krieges wurde das Institut nach Ratzeburg ausgelagert und Teile der Institutsgebäude sowie des Archives durch Bombentreffer zerstört. Im November 1945 setzten die britischen Besatzungsbehörden Predöhl als Leiter des Instituts ab, beließen ihn aber als Professor an der Universität. 1953 wechselte er an die Universität Münster, wo er 1974 im Alter von 80 Jahren starb.

Fazit und Bewertung

Andreas Predöhl war kein fanatischer Nationalsozialist, sondern ein normaler Wirtschaftswissenschaftler, der sich der nationalsozialistischen Sprache bediente, um den Erhalt "seines" Instituts zu sichern. Ob dies jeweils aus Opportunismus oder z.T. auch aus Überzeugung geschah, läßt sich anhand der bisherigen Forschungsarbeiten und Quellen nur schwer beantworten. Für Predöhl stand der "Erfolg" seiner behaupteten Strategie außer Frage: "Dieser Erfolg wäre nicht möglich gewesen, wenn es mir nicht gelungen wäre, zwei scheinbar unvereinbare Positionen miteinander zu verbinden: Ich durfte im Ausland niemals auch nur in den Verdacht geraten, ein "Nazi" zu sein; und ich durfte im Inland niemals auch nur in den Verdacht geraten, nicht loyal zum NS-Regime zu stehen. Damit war die Aufgabe in vollkommener Weise vorgezeichnet: Ich mußte das bestmögliche Verhältnis zum NS-Regime herstellen, ohne auch nur in einem einzigen Fall die Wissenschaft dem Regime zu opfern."

Ob ihm dies gelungen ist, ist zu bezweifeln, weil eine "wertfreie" Wissenschaft nicht möglich ist: Predöhl und mit ihm wahrscheinlich viele seiner Mitarbeiter des Instituts hielten "ihre" Wissenschaft für unpolitisch und wertfrei. In diesem Sinne konnten sie die Folgen der Geheimgutachten, die sie erstellten, ausklammern. Ob die Nationalsozialisten bzw. die Wehrmacht etwas mit den Gutachten anfangen konnten oder gar aufgrund dieser Gutachten wehrwirtschaftliche bzw. kriegswichtige Entscheidungen fällten, spielte für die "rein" wissenschaftlich Arbeitenden keine Rolle bzw. konnten diese – wenn sie wollten – ausblenden. In der eigenen subjektiven Wahrnehmung der Wissenschaftler gab es somit keine Beteiligung an den Taten, die aus ihren Expertisen folgten. Durch die Zusammenarbeit mit dem Regime, sei es durch Gutachten oder durch Entwürfe einer Großraumwirtschaft, gaben sie diesem Handlungshilfen und beteiligten sich indirekt: denn wenn aus Planungen Taten werden, ist auch der Planer mitverantwortlich zu machen für die Folgen seiner "wertfreien" Planung. In diesem Sinne wäre es an der Zeit die gutachterliche Tätigkeit des Instituts für Weltwirtschaft in einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit unter die Lupe zu nehmen und die Wirkungen dieser Gutachten auf die Kriegswirtschaftsplanung und die Kriegsführung zu untersuchen.

Frank Omland

(Ergänzter und überarbeiteter Aufsatz des Autoren aus: Arbeitskreis Asche-Prozeß: Antifaschistische Stadtführungen. Kiel 1933-1945. Stationen zur Geschichte des Nationalsozialismus in Kiel. Kiel 1998, S.38f.).

 

Kommentierte Literaturliste:

Christoph Dieckmann: Wirtschaftsforschung für den Großraum. Zur Theorie und Praxis des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und des Hamburger Welt-Wirtschafts-Archivs im "Dritten Reich". In: Modelle für ein deutsches Europa. Ökonomie und Herrschaft im Großwirtschaftsraum. Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Bd. 10 (1992), S. 146-198.
(Anm.: Meines Wissens bis heute die einzige Arbeit, die sich intensiver mit dem Institut im Nationalsozialismus beschäftigt.)

Susanne Heim/Götz Aly: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung. Frankfurt am Main 1993 (Fischer TB, Schwarze Reihe).
(Anm.: Zum Institut machen beide AutorInnen immer wieder – zumeist in Fußnoten – Anmerkungen.)

Anton Zottmann: Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel 1914-1964, Kiel 1964.

Friedrich Hoffmann: Die Geschichte des Instituts für Weltwirtschaft, II. Teil.
(Anm.: Bis auf einige Sachinformationen aus der Zeit der Gründung bzw. der Weimarer Republik findet sich hier praktisch fast nichts über die NS-Zeit, schon gar nicht Hinweise auf die Tätigkeit des Instituts im NS.)

Rolf Seeliger: Braune Universität. Deutsche Hochschule gestern und heute. München 1968.
(Anm.: Die Zitate Predöhls aus der Nachkriegszeit stammen aus dieser Publikation).

Ralph Uhlig (Hrsg.): Vertriebene Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität Kiel nach 1933, Frankfurt am Main 1992.
(Anm.: Zur Verfolgung und Vertreibung von Bernhard Harms).

Hans-Georg Pott: Das "unpolitische Institut" – Zum Kieler Institut für Weltwirtschaft. In: Akens-Info Nr.4, [Kiel] 1984, S.13-17.
(Anm.: Auf Spekulationen und sehr sehr schwacher Quellenbasis beruhender Angriff auf das Institut für Weltwirtschaft).

In Memoriam Andreas Predöhl (1893-1974). Vorträge und Studien aus dem Institut für Verkehrswissenschaft an der Universität Münster. Herausgegeben von H. St. Seidenfus. Heft 15, Göttingen 1975.
(Anm.: Hier finden sich einige wenige biographische Informationen und der Werdegang Predöhls in der Nachkriegszeit.)

 

Zeitgenössische Veröffentlichungen von Andreas Predöhl:

Staatsraum und Wirtschaftsraum. In: Weltwirtschaftliches Archiv, 39. Band, Januar 1934, Heft 1.

Die deutsche Hochschule. Die praktischen Aufgaben der deutschen Wirtschaftswissenschaft und das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel. In: Deutsche Erneuerung. 24. Jg., März 1940.

Stabilisierung und Weltwirtschaft. In: Das Neue Europa. Vorträge gehalten auf der Tagung des Vereins deutscher Wirtschaftswissenschaftler Weimar 1941 über Europäische Grossraumwirtschaft.

Von der Vierteljahresplanwirtschaft zur Kontinentalwirtschaft. In: Der deutsche Volkswirt. Jg. 16, 1941/42, Viertelband 1. Beilage in Nr.6 vom 31.10.1941: Das neue Reich und das Ausland.

Rede anläßlich der Rektoratsübernahme am 30. Januar 1942. In: Kieler Blätter 1942, Heft 1. Herausgegeben von der Gemeinschaft Kieler Professoren. Neumünster 1942.
(Anm.: Das Zitat aus dem Jahr 1943 stammt hieraus.)


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