Einführung

Die Kernfrage der modernen historischen Wahlforschung lautet: „Wer wählte wann und wieso eine bestimmte Partei?" Dies schließt sowohl die Frage nach der Klientel als auch die Frage nach den Motiven der Wählerschaft ein. Für die Geschichte der Weimarer Republik wird in der Regel auf die Fragen abgehoben „Wer wählte die NSDAP?", welche schichtenspezifischen Aussagen sind anhand der statistischen Überlieferung möglich und wie sieht der Zusammenhang zwischen Milieu und Wahlverhalten aus.

Für Schleswig-Holstein sind bis heute nur Teile dieser Fragestellungen befriedigend beantwortet worden. Nach der frühen Pionierarbeit von Rudolf Heberle („Landvolk und Nationalsozialismus", 1963, Erstveröffentlichung 1945 in den USA) folgten erst Ende der 1970er bzw. Anfang der 1980er Jahre Forschungsarbeiten, die zumeist auf Kreisebene das Wahlverhalten der Bevölkerung beleuchteten und sich zumeist mit den Thesen Heberles bzw. denen von Rudolf Rietzler zum Aufstieg der NSDAP („Kampf in der Nordmark", 1982) auseinandersetzten. Der Fokus war dabei fast zwangsläufig auf den Versuch ausgerichtet, den Aufstieg der NSDAP zu erklären, so dass Milieu und Wahlverhalten, die Wahlkämpfe und die anderen Parteien nur zum Teil vertiefend dargestellt wurden.

In der Folge fehlt bis heute für Schleswig-Holstein eine Gesamtdarstellung aller Wahlen und Abstimmungen in der Weimarer Republik. Lediglich am Rande werden bis heute insbesondere die preußischen Landtagswahlen erwähnt, die Provinzial-Landtagswahlen und die Ereignisse im Provinzial-Landtag sind ebenso erst in Ansätzen erforscht und von den Plebisziten wird häufig genug nur die Anti-Young-Plan-Kampagne der reaktionären Parteien und der NSDAP Ende 1929 in die Forschungen eingezogen. Noch schlechter sieht es für Schleswig-Holstein mit der Parteienforschung und mit der Rekonstruktion der Wahlkämpfe aus. Hier gibt es insbesondere auf Seiten der bürgerlichen Parteien große Defizite, auch die regionale KPD ist noch zu wenig beleuchtet worden und die Geschichte der einzelnen Wahlkämpfe muss ebenfalls noch intensiver als bisher von der Forschung angegangen werden. Grundsätzlich steht eine Gesamtgeschichte der Wahlen und Abstimmungen in Schleswig-Holstein in der Weimarer Republik also noch aus. Dafür müssten neben der Einbeziehung aller überlieferten Wahlergebnisse, einschließlich der preußischen Landtagswahlen und der Provinziallandtagswahlen sowie der Volksentscheide auf Reichs- und Landesebene sämtliche Wahlkämpfe und die Wahlpropaganda der wichtigsten Parteien rekonstruiert sowie weitere (überregionale) Quellenbestände einbezogen werden, um die Wählerwanderungen und Wählerherkünfte regional fundiert analysieren und einordnen zu können.

Im Einzelfall könnten auch Schichtungsanalysen aufgrund von Auswertungen von Adressbüchern sinnvoll sein, wobei sich hier Großstädte und größere Städte bzw. einzelne Landkreise mit gut überlieferter Wahlstatistik anbieten würden. Alles zusammen wären Schritte für eine (wahlsoziologische) regionale Gesamtgeschichte der Wahlen und Abstimmungen in Schleswig-Holstein.