Keine Weltstadt ohne Chinatown. Kleine Geschichte des „Chinesenviertels“ in St. Pauli und Altona (1900-1945)

Lars Amenda

„Die Schmuckstraße! Hier wohnen Chinesen! Es ist eine Straße für sich. Das Geheimnis des Fernen Ostens drückt diesen einfachen, geschwärzten, glatten Häusern den undurchdringlichen Stempel auf. Chinatown!“ Diese wenig freundliche Beschreibung eines Hamburger Kriminalkommissars aus den frühen zwanziger Jahren, einem literarischen Bericht über die Davidwache in St. Pauli entnommen, drückte aus, was nicht wenigen Bewohnerinnen und Bewohnern Hamburgs und Altonas zu jener Zeit auffiel: In einem Teil des berühmt-berüchtigten Stadtteils St. Pauli und dem benachbarten Altona ließen sich zunehmend chinesische Männer nieder. Wie kamen diese Menschen aus dem fernen China gerade ins regnerische Hamburg?

Nicht die alten Handelsbeziehungen zwischen der Hansestadt und China waren dafür die Ursache, sondern Neuerungen in der Seeschifffahrt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Seit dieser Zeit beschäftigten deutsche Reedereien zunehmend chinesische Seeleute als Heizer und Kohlenzieher, seltener als Steward oder Koch, auf den damals modernen Dampfschiffen. Um 1900 fuhren rund 3000 meist aus südchinesischen Küstenregionen (Guangdong, Zhejiang) und den beiden Städten Kanton und Ningbo stammende Chinesen auf deutschen Handelsschiffen. Sie erhielten Niedriglöhne für Schwerstarbeit und galten generell als bedürfnislose „Kulis“. Diese rassistische Wahrnehmung gab es nicht nur auf Seiten der Reeder, auch Teile der deutschen Arbeiterschaft diffamierten chinesische Seeleute als „Lohndrücker“ und machten sie wegen ihres Aussehens lächerlich.

Die tausenden regelmäßig die großen europäischen Hafenstädte aufsuchenden chinesischen Seeleute schufen ein Bedürfnis nach Versorgung und Unterbringung. In Städten wie Rotterdam, London und auch Hamburg nutzten einzelne Chinesen diese Chance und errichteten ein Geschäft, das in der Regel mit der Schifffahrt verbunden war. In Hamburg entstanden auf diese Weise insbesondere seit dem Ende des Ersten Weltkrieges chinesische Wäschereien, Unterkünfte und kleine Gaststätten. Lag die Zahl der polizeilich gemeldeten Chinesen in Hamburg, bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ausnahmslos Männer, 1890 noch bei 43 Personen, stieg die Zahl 1910 auf 203. In Wirklichkeit lag die Zahl der in Hamburg lebenden Chinesen wohl höher, zudem gab es eine große Fluktuation chinesischer Seeleute in St. Pauli und Altona.

Während des Ersten Weltkrieges saßen ungefähr 500 chinesische Seeleute in Hamburg und Bremerhaven auf ihren Schiffen fest und nur einem Teil von ihnen gelang es, nach China zurückzukehren. In den frühen zwanziger Jahren setzte dann erneut eine chinesische Niederlassung in Hamburg ein, die ihre Vorläufer weit übertreffen sollte. Im hafennahen St. Pauli und dem benachbarten Altona öffneten vermehrt chinesische Gaststätten und Geschäfte. Vor allem die Schmuckstraße, die zwischen der Großen Freiheit und der Talstraße liegt und deren Fortsetzung auf Altonaer Boden Ferdinandstraße hieß, galt als Zentrum des „Chinesenviertels“, wie es manche nannten. Die Hamburger Polizeibehörde sprach hingegen mit Blick auf die chinesische Migration diskriminierend von einer „wachsenden Hafenplage“ und beschwörte eine hygienische Gefahr für die Stadt. In der Hamburger Öffentlichkeit wurde die chinesische Migration nun verstärkt wahrgenommen, jedoch meist exotistisch verzerrt. Die Rede von „Opiumhöhlen“ machte die Runde und zwei Morde an chinesischen Männern in den frühen zwanziger Jahren beschäftigten die Hamburger Gerüchteküchen. Identisch mit dem Tenor des Eingangszitats galten Chinesen als geheimnisvoll und undurchschaubar, ihr normaler und wenig spektakulärer Alltag wurde nicht gesehen. Dabei lebten die meisten derjenigen chinesischen Migranten, die bereits mehrere Jahre in Hamburg ansässig waren, in Partnerschaften oder Ehen mit deutschen Frauen. Einzelne Hamburger waren sogar fasziniert von chinesischer Küche und Kultur und suchten Stätten wie das „Neu-China“ und das Ballhaus „Cheong Shing“ (Große Mauer), beide in der Großen Freiheit in Altona gelegen, oder das „Peking“ in der Neustadt auf. Diese kombinierten chinesische Gastronomie und moderne Tanzmusik und waren damals auch überregional bekannte Sensationen.

Die im Jahr 1933 beginnende Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutete nicht das sofortige Ende des Hamburger „Chinesenviertels“. Die Chinesen in St. Pauli nahmen davon anfangs kaum Notiz, zu sehr beschäftigte sie die japanische Aggression in China. Dies sollte sich nach wenigen Jahren deutlich ändern. Weil das „Dritte Reich“ Devisen für seine Rüstungsindustrie benötigte, wurden die Bestimmungen drastisch verschärft und selbst kleinste Beträge von ausländischen Zahlungsmitteln mussten unmittelbar an Banken abgegeben werden. Im Zuge dessen gerieten chinesische Wirte und Straßenhändler, die aus einem Ort in China kommenden „Händler aus Qingtian“, in den Blickpunkt staatlicher Institutionen. Vermeintlich normale Behörden wie die Zollfahndungsstellen konstruierten die Chinesen in Hamburg als eine verschworene Gemeinschaft mit kriminellen Absichten. Deutsch-chinesische Partnerschaften gerieten jetzt zunehmend ins Augenmerk der staatlichen Verfolgungsorgane und einzelne Chinesen wurden einzig wegen einer Verbindung zu einer deutschen Frau ausgewiesen. Auch wenn es die beteiligten Beamten aus außenpolitischen Gründen vermieden, die nationalsozialistische „Rassenpolitik“ explizit zu erwähnen, war diese doch gegenüber den Chinesen relevant. Im Jahr 1938 wurde die Verfolgung mit der „Reichszentrale für Chinesen“ in Berlin institutionalisiert. Dort sollten alle Händler und jegliche Verdachtsmomente gegenüber chinesischen Staatsangehörigen registriert werden.

In Hamburg wurden nun in der Schmuckstraße regelmäßig Razzien durchgeführt, eindeutige Beweise für die Verdächtigungen blieben gleichwohl aus. Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zur Chinesischen Republik im Jahr 1941 spitzte sich die Lage der Chinesen im Deutschen Reich weiter zu. Sie waren zahlreichen Schikanen ausgesetzt, so durften sie bei den starken Bombenangriffen auf Hamburg im Sommer 1943 keine Luftschutzbunker aufsuchen. Ein trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung fand am 13. Mai 1944 statt. Beamte der Gestapo und Kriminalpolizei führten an diesem Tag die so genannte „Chinesenaktion“ durch. Insgesamt 130 Chinesen wurden in St. Pauli gefangen genommen, die abstruse Begründung lautete sie seien Spione der Feinde. Zudem war eine Gruppe von chinesischen Seeleuten in Hamburg interniert, die auf aufgebrachten britischen Kriegsschiffen gedient hatte. Die Leitung hatte der Gestapobeamte Erich Hanisch, der als Täter des Holocaust in verschiedenen Orten Polens 1941-1943 seinen Dienst versah und etliche der chinesischen Männer brutal misshandelte.

Nach drei Monaten Gefangenschaft im „Kolafu“, dem Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, überstellte die Gestapo eine Gruppe von 60-80 gefangenen Chinesen in das „Arbeitserziehungslager“ Wilhelmsburg. Die hygienischen Zustände dort waren katastrophal, die Ernährung ungenügend, eine medizinische Versorgung kaum vorhanden. Bei auszehrender Zwangsarbeit wurden auch hier die chinesischen Gefangenen von den Wachmannschaften geschlagen. Annähernd 20 Chinesen starben in kurzer Zeit an den Folgen dieser Behandlung, aber auch ihre deutschen Partnerinnen wurden vereinzelt in ein Konzentrationslager verbracht. Das Hamburger „Chinesenviertel“ hörte damit auf zu existieren: Nach dem baldigen Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Untergang des „Drittes Reiches“ sollte es dieses Merkmal großer Hafenstädte, ein Chinesenviertel, in Hamburg nicht mehr geben.

(Der Text erschien zuerst in leicht veränderter Fassung und unter einem anderen Titel in: die tageszeitung [Hamburgausgabe] vom 31.8./1.9.2002, S. 25).

 

Über den Autor

Lars Amenda, Jg. 1970, Dr. phil., Historiker, hat eine Dissertation mit dem Titel „Fremde – Hafen – Stadt. Chinesische Migration und ihre Wahrnehmung in Hamburg 1900 – 1970“ verfasst und beschäftigt sich in derzeit länderübergreifend (für die Städte London, Amsterdam und Hamburg) mit dem Thema.

Die Einweihung des „Adolf-Hitler-Koogs“ am 29. August 1935 – Landgewinnung und Propaganda im Nationalsozialismus

Von Lars Amenda

Ende August 1935 stand Dithmarschen im Mittelpunkt des reichsweiten Interesses. Adolf Hitler fuhr mit seiner Entourage von Kiel aus an die Westküste, um dort einen neuen Koog auf seinen Namen einzuweihen. Heute vor 70 Jahren, am 29. August 1935, wurde Adolf-Hitler-Koog offiziell seiner Bestimmung und den Siedlern übergeben. 1333 Hektar Land waren dem Meer „abgerungen“ worden. Nach dem Krieg bekam das symbolträchtige Neuland den Namen Dieksanderkoog.


 Karte vom Adolf-Hitler-KoogAdolf-Hitler-Koog

Nach einer regerechten Umbenennungswelle im März und April 1933 führten die Nationalsozialisten die Maxime ein, dass nur noch neu geschaffene Straßen und Ortschaften nach prominenten Nationalsozialisten benannt werden sollten. Ein neuer Koog war deshalb ein ideales Projekt und hatte zudem eine hohe symbolische Bedeutung. Die Idee für die Namensgebung stammte aus einer lokalen Initiative der NSDAP-Ortsgruppe Friedrichskoog, die mit diesem Vorschlag bereits im April 1933 an staatliche Stellen herantrat.

 

Der schleswig-holsteinische Gauleiter und Oberpräsident, Hinrich Lohse, stellte bereits 1933 einen ambitionierten „Generalplan für die Landgewinnung in Schleswig-Holstein“ auf, der während eines Zeitraums von zehn Jahren viele Arbeitslose in Beschäftigung bringen sollte. Dass die Pläne für die Landgewinnung aus der Zeit der Weimarer Republik stammten, verschwiegen die Verantwortlichen dabei. Das Projekt sollte nach Möglichkeit als ein genuin nationalsozialistische Leistung erscheinen. In den Jahren 1933 und 1934 waren 8000 Arbeitslose aus Dithmarschen, Kiel und Hamburg sowie 1500 Reichsarbeitsdienstmänner mit Landgewinnungsarbeiten an der Westküste beschäftigt.

 

Lohse plante in seinem „Generalplan für die Landgewinnung in Schleswig-Holstein“ weit über die Gegenwart hinaus. In einem Zeitraum von zehn Jahren sollten rund 45 000 Morgen Land – gut 11 000 Hektar – eingedeicht werden. In den weit reichenden Planungen hatte Lohse die Vision, in 100 Jahren 43 neue Köge zu schaffen. 10 000 Menschen sollten dort leben und arbeiten.

 

Die ‚Rasse’ spielte in dem Landgewinnungsprojekt eine entscheidende Rolle. Der Kreisbauernführer des damaligen Kreises Süderdithmarschen wählte im Auftrag des Reichsnährstandes die 93 Siedler des Adolf-Hitler-Koogs persönlich aus. Nur überzeugte Nationalsozialisten aus Dithmarschen erhielten eine Siedlerstelle im Vorzeigekoog. Die nationalsozialistische Koog-Gemeinschaft sollte nach außen ein Symbol der NS-Volksgemeinschaft abgeben.

 

In seiner Einweihungsrede beschrieb Adolf Hitler am Beispiel der Landgewinnung Arbeit als steten Kampf, und den Adolf-Hitler-Koog als „ein Symbol der Arbeit und des ewigen Ringens“. Er bemühte das Bild, dass das gesamte Deutschland ein Koog sei, den es zu schützen gelte. Der Adolf-Hitler-Koog sollte somit gezielt als eine Demonstration des „friedlichen Aufbauwillens“ des nationalsozialistischen Deutschlands präsentiert werden. Zu diesem Zweck reisten seit 1935 zahlreiche Delegationen ausländischer Politiker und Journalisten nach Dithmarschen und zeigten sich häufig von der inszenierten Gemeinschaft im NS-Koog beeindruckt.

 

Das Verkehrsaufkommen der Schaulustigen im Adolf-Hitler-Koog nahm schnell solche Ausmaße an, dass eine Asphaltierung der Straßen als notwendig erschien. Wegen der propagandistischen Bedeutung des Hitler-Koogs übernahm das Propagandaministerium die Kosten, wie es auch mehrfach Broschüren und Veröffentlichungen finanzierte. Filme wie „Trutz blanke Hans“ (1935) und „Neuland am Meer“ (1938) sowie regelmäßige Radioübertragungen von der Westküste machten die Landgewinnungsarbeiten und den Adolf-Hitler-Koog im ganzen Deutschen Reich bekannt.

 

Der zentrale Ort im Adolf-Hitler-Koog war die vom Kieler Architekten Richard Brodersen gestaltete Neulandhalle, die ein Jahr nach der Einweihung des Koogs fertiggestellt wurde. Sie diente als Gemeinschafts- und Versammlungsort und war innen und außen eine architektonische Umsetzung nationalsozialistischer Werte. An der Nordseite befanden sich die überlebensgroßen und stilisierten Plastiken eines Soldaten und Arbeiters, am Turm thronte ein Reichsadler mit Hakenkreuz. Im Inneren gab es Unterkünfte, Arbeitsräume und einen zentralen Versammlungsraum mit einem Kamin. Auf vier großen Wandbildern stellte der Altonaer Künstler Otto Thämer die Landgewinnungsarbeiten als Arbeit des Einzelnen für die Gesamtheit dar.

 

Hinrich Lohse betrieb als Oberpräsident der Provinz Schleswig-Holstein seine eigene Propagandakampagne über die Landgewinnungsarbeiten. Er wollte damit das öffentliche Profil Schleswig-Holsteins schärfen und hatte ein Gespür für die symbolische Bedeutung der neuen Köge. Persönlich achtete er auf eine positive Berichterstattung in der Presse und intervenierte bisweilen bei ihm unliebsamen Artikeln. Mitte der 1930er-Jahre entstanden weitere Siedlungen im Kreis Eiderstedt mit dem Hermann-Göring-Koog (heute Tümlauer Koog) und dem Horst-Wessel-Koog (heute Norderheverkoog). Der Mittelpunkt der propagandistischen Außendarstellung blieb aber eindeutig der Adolf-Hitler-Koog.

 

Nach 1937 traten die Landgewinnungsarbeiten angesichts der großen Schwierigkeiten und der geringen Geschwindigkeit dann zunehmend in den Hintergrund. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde es in der Presse sehr ruhig um dieses Thema. Jetzt wurden keine „Friedenswerke“ mehr für das Ausland benötigt, sondern riesige Gebiete in Osteuropa erobert, gegen welche das gewonnene Neuland an der schleswig-holsteinischen Westküste verschwindend klein war.

 

(Dithmarscher Landeszeitung vom 29.8.2005)

 

Für weitere Informationen zum Thema siehe den Artikel des Autors: „Volk ohne Raum schafft Raum“. Rassenpolitik und Propaganda im nationalsozialistischen Landgewinnungsprojekt an der schleswig-holsteinischen Westküste, in: Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte 45 (2005), S. 4-31.