Volkes Mund und Führers Wille. Propaganda für die Nazis – auf Platt

Der folgende Text ist erschienen in: Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein (Hg.): Ende und Anfang im Mai 1945. Das Journal zur Wanderausstellung des Landes Schleswig-Holstein. Kiel 1995, S. 147-151

Kay Dohnke

"Een nie Tied brickt an! En plattdütsch Heil!"
Allgemeiner Plattdeutscher Verband 1933

Die NSDAP hatte in Schleswig-Holstein schon lange vor 1933 große Wahlerfolge erzielt. In Dithmarschen entschieden sich 18 Prozent der Stimmberechtigten bei der Reichstagswahl vom Mai 1928 für Hitlers Partei. Ein genauerer Blick auf dieses überraschende Ergebnis zeigt jedoch, daß solche Phänomene - auch in anderen Gegenden des Landes waren die Sympathien beachtlich - allein mit Hinweisen auf konservative politische Traditionen oder besondere wirtschaftliche Verhältnisse kaum ausreichend zu erklären sind. Das nationalsozialistische Politikkonzept, die nationalsozialistische Ideologie mußte den Menschen auch vermittelt werden - und je gezielter das geschah, um so wirkungsvoller fielen die Wahlresultate aus.

Zweifellos hing der wachsende Rückhalt der NSDAP bei der Bevölkerung maßgeblich von der Propaganda ab, die ab 1929 deutlich intensiviert wurde. Im gesamten norddeutschen Raum, vor allem aber in Schleswig-Holstein läßt sich dabei eine besondere Form nationalsozialistischer "Öffentlichkeitsarbeit" nachweisen. Erst vereinzelt und wohl eher zufällig, bald aber sehr gezielt setzten Agitationsredner der NSDAP das Plattdeutsche im Rahmen ihrer Propagandaauftritte ein - die positive Resonanz bei den Zuhörern bestärkte sie in ihrer Sprachwahl. Platt, das war noch nicht durch politischen Gebrauch abgenutzt, war ein vergleichsweise neues Medium, schloß nicht nur Köpfe, sondern vor allem die Herzen auf. "He snackt platt, he is ja een von uns" - so mögen viele Zuhörer empfunden haben, wenn der Schmied Hans Kummerfeldt aus Nordhastedt, der Apotheker Hermann Oeser aus Eddelak, der Maschinenbauer Willy Bruhn aus Heide oder - selten - der Gauleiter Hinrich Lohse in der Mundart agitierten.

Im Tarnmäntelchen kam die Ideologie nun daher, und das in zweifacher Weise: auf Platt ließ sich schon immer etwas deftiger und sehr bildhaft vom Leder ziehen, konnten die politischen Gegner angegriffen werden, ohne daß es so brutal klang, wie es in Wahrheit gemeint war. Die regional vertrauten Klänge weckten Sympathie für die ansonsten nicht unumstrittene "Hitler-Bewegung" aus München. Wer Platt sprach, war Insider, gehörte mehr zum Publikum als zu den Politikern, war eben keiner von "denen da". Aber auch die Inhalte waren bedeutsam, nicht hinsichtlich politischer Theorie oder zukünftiger Konzepte: geschickt verstanden es die heimischen Agitatoren, auf Elemente der schleswig-holsteinischen Identität anzuspielen, sie - aus dem Zusammenhang gerissen - auf den Nationalsozialismus umzumünzen. "De nich will dieken, mutt wieken", hieß einer ihrer Slogans, "Wo wi tosom hebbt stohn, hett uns noch nüms wat dohn" oder "Hier ward nich bidreiht, ward nich reft, bit wi dat Ziel tofoten hefft". Besonders beliebt war auch "Lewer dood as Slaav": mit derlei Versatzstücken aus der Geschichte oder Lebensrealität wurden einschneidende Maßnahmen gerechtfertigt, wurde Zusammenhalt gefordert, die Abkehr vom demokratischen Weimarer System propagiert, ohne daß noch lange differenziert, erklärt, begründet werden mußte. Diese Pseudo-Bekenntnisse brachten den Agitatoren einen zusätzlichen Vertrauensbonus, ließen glaubhaft erscheinen, was sonst von Inhalt und Darbietung her weniger wirkungsvoll gewesen wäre. Einige der plattdeutschen Nazi-Redner absolvierten mehrere Hundert solcher Auftritte - der Erfolg bestätigte sie in ihrem Tun, auf ganz persönliche Weise, denn ihre Sprachfähigkeiten ließen sich plötzlich auch als politisches Kapital einsetzen.

Rückhalt bei den Schreibern

Die Politisierung des Plattdeutschen war aber keineswegs auf diese Redeverwendung beschränkt. Nicht erst nach 1933 und nicht erzwungen, sondern frühzeitig und freiwillig schwenkte auch die plattdeutsche Literatur auf Nazi-Kurs. "Die" plattdeutsche Literatur - selbstverständlich muß hier genauer hingesehen werden, aber der nähere Blick zeigt ein erstaunliches Ergebnis: in Gelegenheitstexten, in literarischen Zeitschriften, in Buchreihen und umfangreichen Werken wurde positiv über Ziele und Weltanschauung des Nationalsozialismus geschrieben.

Anfangs waren es zumeist jene kleinen Dichtungen, die sich traditionell in den Spalten der Zeitung fanden: ungeübte Verfasser veröffentlichten hier ihre Schöpfungen, mochte es auch mit der literarischen Qualität oft nicht weit her sein. Schon im Januar 1929 prangte in der Schleswig-Holsteinischen Tageszeitung in einem plattdeutschen Gedicht folgender Aufruf:

"Nu möt wi uns umstellen, rut ut den Mist,
und wie ward sofort Nationalsozialist"

Natürlich ging es hier nicht um Literatur; das politische Anliegen reichte als Schreibanlaß, machte die Texte druckfähig, und wenn sie auch noch so dürftig zusammengeriemelt waren: der neue "Markt" wurde bedient. Wenig später besang jemand - gezeichnet war der Text mit "SA" - das besondere Verhältnis zwischen den Dithmarscher Burn und der NSDAP:

"So staht ji dor, ji wackern Lüd,
Een Ecksteen mit vört Hitlergebüd.
Blieft tru ju ole Eegenort
As brave Kerls in Tat un Wort,
Ji Dithmarscher Burn!"

Man könnte glauben, daß solches Dichten auf die Spalten dieser ersten NS-Tageszeitung Schleswig-Holsteins beschränkt geblieben ist, die ab Anfang 1929 in Itzehoe erschien. Gewiß, dort fanden sich die frühesten Beispiele derartiger Reimakrobatik, aber so gering das formale und sprachliche Niveau auch war: politisches Dichten auf Platt fand bald Nachahmer. Und es war ja auch so leicht, ideologische Inhalte mit der traditionellen Bildsprache niederdeutscher Lyrik zu kombinieren; egal, ob ländlich-idyllisch oder maritim - alles reimte sich nun, im übertragenen Sinn, problemlos auf "Hitler", aufbrechende Knosen kündeten vom "Führer", die Bauern bestellten das Land für die neue Zeit. Heinrich Hornig etwa schrieb:

"Dor stammt en Schipp dör Storm un Floot,
keen Wind, keen Well kriggt dat in Noot, [...]

Dütschland!

De Schippskoptein op hoge Brügg
kiekt stur liek ut un nümmer trügg. [...]
Hitler!"

Und fast alle machten mit, Gelegenheitspoeten, erfahrene Autoren, angesehene Schriftsteller, egal ob jung oder alt. Die Bereitschaft, in plattdeutschen Gedichten und - seltener - auch Erzählungen den Nationalsozialismus zu feiern, war auch unter geübteren Autoren verbreitet. Hatten sie sich früher um eine Weiterentwicklung der plattdeutschen Literatur gemüht, war nun die Propaganda ihr Anliegen. Und so bliesen sie unter Ausklammerung qualitativer Fragen ins Horn der NSDAP - nur wenige Schriftsteller zogen sich auf die traditionellen Bereiche niederdeutschen Schreibens zurück, in denen man durchaus auch hätte publizieren können - Dorfgeschichten oder Naturlyrik, nostalgische Erzählungen, Döntjes, Schwänke, alles das nur äußerlich an den ns-politischen Forderungen nach Blut-und-Boden-Literatur orientiert. Kaum jemand erkannt diese Nischenfunktion der Mundart, und weit zahlreicher finden sich bereitwillige poetische Zustimmungen zum Nationalsozialismus, die eine Art kultureller Weihe für die so menschenfeindliche Weltanschauung bedeuteten.

Die Politik - also ab 1933: staatlichen Stellen - ließen die plattdeutsche Szene im großen und ganzen gewähren. Wie alle anderen Bereiche des öffentlichen Lebens der Gleichschaltung unterworfen, mußte man sich um diesen Sektor am wenigsten kümmern, aus dem schon so früh und bereitwillig Rückhalt signalisiert worden war. Gern band man plattdeutsche Darbietungen in politische Veranstaltungen ein; auf "Deutschen Abenden" wurde Platt vorgetragen, Mundartschriftsteller lasen in Zeltlagern der HJ oder vor der Frauenschaft aus ihren Werken Mundarttexte. Und wenn sich einmal Funktionäre auf Autorentreffen einfanden, wirkten solche "Streicheleinheiten" wieder für längere Zeit motivierend - der Nachschub an Propagandatexten war gesichert.

"Uns Sleswig-Holstein steiht bi Hitler!"

Sie hatte bereits Tradition, die plattdeutsche Klönschnack-Kolumne in den Tageszeitungen zwischen Hamburg und Flensburg und noch darüber hinaus. "Ut'n Utkiek" von Jakob Kiekut, "Korl Klafferkatt vertellt", der "Holsteener Breef" von Hein Wiesnäs: in vielen Zeitungen des Landes meldeten sich unter solchen Überschriften Autoren zu Wort, äußerten sich mehr oder weniger originell, aber immer regelmäßig zum Tagesgeschehen. Sie klönten und kommentierten, philosophierten und - meckerten, ganz so, wie die Zeitläufe es erforderten und ihre Leser erwarteten. Harmlos ließ es sich zumeist an: Wetter und Kartoffelpreise waren beliebte Themen, Redensarten und Erinnerungen an die gute alte Zeit füllten die Spalten, hin und wieder angereichert durch spitze Bemerkungen über die Politik. Oft fand sich auch provinzielle Kritik an der höheren Kultur; die Diffamierung unverstandener urbaner Entwicklungen hatte in solchen Kolumnen stets Konjunktur.

Mit dem Erstarken der Nationalsozialisten fanden immer häufiger politische Themen Einzug in die Plauderspalten. Jakob Kiekut - schon im Ersten Weltkrieg mit plattdeutschen Soldatenbriefen im Rendsburger Tageblatt vertreten - ließ in seinem "Ut'n Utkiek" schon im April 1929 den Ruf nach dem starken Mann lautwerden: "Wi brukt bitter notwenni en Mann ut tag Ekenholt, de ni von Parteigunst, sonnern von en hilli Volksleev dragen ward un den Mot hett, gans gehöri dörchtogriepen. Dat segg'n kümmt alleen wirkliche Föhrers to, de sik ni en Partei, sonnern er Vaderland verantwortli föhlt!" Im April 1933 - nach Verkündigung des Mottos "frie Bahn för dütsche Art!" - zog Kiekut sich ins vermeintlich Unpolitische zurück: "mi fehlt de Insicht un de Dörchsicht, as dat ik in 't Enkelte en Verscheel geben kunn öwer dat Nazi-Parteiprogramm." Was ihn aber nicht daran hinderte, für Hitler und seine Ziele Stimmung zu machen: "Ik för mien Deel glöw an 'e Tokunft von 'n Nationalsozialismus." Es gehe ihm hier jedoch keineswegs um Propaganda - "Ik will di ni scholmeistern, lewe Leser; du muß sülm weten, wat du doon heß. Ik vertell bloß, dat ik baben in 'n Utkiek en ernsten Mann in 'n brun Hemd wiesworrn bün, de banni dorna anlett, dat he de dütsch Hoffnung wesen kunn." Als "Utkieksmann" aber nahm Kiekut für sich natürlich doch eine Sonderrolle in Anspruch, als Seher auf dem Ausguck, als Sprecher für die Leser, der eben regelmäßig die Welt erklären durfte.

Andere Plauder-Kommentatoren schlugen sofort rauhere Töne an: "Holt Muul! Nu snackt Fietje!" polterte das Hamburger Tageblatt schon im Kolumnentitel, und hämisch feierte Jochen Puttenkieker in der Kieler Zeitung Anfang April 1933 den Mord an dem Kieler Rechtsanwalt Friedrich Schumm und erging sich in antisemitischer Hetze, problemlos in Platt. Nach dem Überfall der deutschen Armee auf Polen lieferte ein gewisser Korl Klafferkatt in der Schleswig-Holsteinischen Tageszeitung unter dem Titel "Humor - ok an de Front!" seine mundartlich-humorvolle Sicht auf die dortigen Verhältnisse: menschenverachtend, aggressiv, ganz eingestimmt auf die gewünschte Propaganda - und bereitwilligst geliefert. Durchweg verbargen sich die Autoren solcher Propagandatexte hinter Pseudonymen, die zumeist bis heute unaufgedeckt sind.

Humor - ok an de Front

Humor ok an de Front - dafür war das Plattdeutsche nicht nur per Plauderkolumne, sondern auch in einem ganz anderen Zusammenhang ideal geeignet, nun jedoch weniger zur direkten Verbreitung von Ideologie, sondern in seiner traditionellen Rolle als Unterhaltungs-, als Ablenkungsmedium. Hatten sich im Ersten Weltkrieg niederdeutsche Schriftsteller noch selbst auf Lesereisen an die vordersten Kampfeslinien begeben, um den Soldaten durch Rezitationen im Schützengraben Zerstreuung zu bereiten, kam nun moderne Technik zum Einsatz: der Reichssender Hamburg strahlte zwischen Hitlerreden und Frontberichten gern mundartliche Truppenbetreuung aus: Wat ik denn noch seggen wull... Hannes schreibt ins Feld (8. Juni 1940). Mitunter war die niederdeutsche Sprache auf eine Rahmenfunktion reduziert (De grote Trummel. Eine fröhliche Stunde mit Tschingbumm und Trarara für unsere plattdeutschen Soldaten, 8. Juni 1940) oder erging sich auf simpelstem Klamaukniveau (Kettel mi mal - ik mutt lachen! Gegen Griesgrämigkeit und Kopfhängerei, 18. März 1940). Lange Zeit gehörten solche Sendungen zum Standardprogramm.

Es kann nicht überraschen, daß der Zweite Weltkrieg erneut die plattdeutsche Gedichtproduktion ankurbelte. Der Westwall, die ersten raschen Siege der deutschen Armee, dann die fragwürdige Idylle von Bunkernächten voller Heimweh oder die Entbehrungen der Daheimgebliebenen - Stoffe und Themen, aus der hochdeutschen Literatur jener Jahre bekannt, also nicht originär niederdeutsch. Aber eben auch auf Platt realisiert, zahlreich zu finden in den niederdeutschen Vereins- und norddeutschen Tageszeitungen des "Dritten Reiches".

Einmal sollte dann das Niederdeutsche noch eine ungewöhnliche Rolle spielen, wie sie zuvor und auch später nicht möglich war - und in der diese Sprache wiederum aufgrund der ungeahnten Möglichkeit verwendet wurde, vermeintlich unpolitische und unter der Oberfläche doch eminent politische Funktionen zu erfüllen: viele Ortsgruppen der NSDAP schickten regelmäßige "Frontbriefe" an Soldaten aus der jeweiligen Stadt, dem jeweiligen Dorf, schnell zusammengetippte Heftchen oder Blätter, auf denen von Zuhaus berichtet wurde. Im Rahmen dieser ideologisch-heimatlichen Truppenbetreuung tauchte auch das Plattdeutsche immer wieder gern auf, ganz nach dem Motto: Nun lassen wir mal den Ernst der Zeit beiseite - wüllt mal 'n beten snacken, wie im Frieden.

Plattdeutsch im Nationalsozialismus: das ist ein lange Zeit vermutlich gern übersehener Aspekt der norddeutschen Zeit- und Kulturgeschichte. Die Zusammenhänge zwischen Mundart und Ideologie, zwischen Platt und Propaganda waren so wohl auch nur in einer ganz besonderen Phase möglich: ansonsten von der Politik nie recht beachtet, fühlten sich "die Plattdeutschen" aufgewertet, als ihre Sprache, ihre Literatur und Kultur nun plötzlich eine Rolle spielen konnte. Und seitens der nationalsozialistischen Funktionäre war es naheliegend, Elemente der Regionalkultur effektiv einzusetzen, wenn man auf diese Weise Stimmen gewinnen, Rückhalt ausbauen konnte. Viele Schriftsteller verkannten die Situation, meinten, nun endlich würde ihr Tun anerkannt - daß man sie allenfalls als nützliche Idioten ansah, sie gewähren ließ, werden sie kaum begriffen haben. Und daß viele von ihnen tatsächlich mit der Ideologie Hitlers konform gingen - davon findet sich in der Literatur über diese Autoren kein Wort...

Veröffentlicht in "Ende und Anfang im Mai 1945. Das Journal zur Ausstellung". Kiel: Neuer Malik Verlag 1995. S. 147 - 151. Ausführlicher sind die hier angerissenen Zusammenhänge untersucht und dargestellt bei K. Dohnke/N. Hopster/J. Wirrer (Hrg.), Niederdeutsch im Nationalsozialismus. Studien zur Rolle regionaler Kultur im Faschismus. Hildesheim: Olms Verlag 1994. 554 S.

 

"Machtergreifung" im Rathaus

Quelle: Reader AK Asche-Prozeß, S. 18

In den Monaten Februar und März 1933 schufen die Nationalsozialisten auf Reichsebene und in Kiel Fakten für die Eroberung der politischen Macht. Hintergrund für die Ereignisse in der Provinzhauptstadt war die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar in Berlin und die Reichstagswahlen am 5. März 1933. In diesen Wochen gelang es den Nationalsozialisten auch in Kiel, vereint mit zu "Hilfspolizisten" ernannten SA-Männern und der regulären Polizei, ihre politischen Gegner auszuschalten. Verhaftungen von Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftern waren an der Tagesordnung.In Kiel bekam die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) und die Deutsch-Nationale Volkspartei (DNVP) die meisten Stimmen bei den Reichstagswahlen. Bereits in den frühen Morgenstunden des Wahlsonntags hatten Nationalsozialisten die Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus und anderen öffentlichen Gebäuden gehißt. Sie wurden auf Anordnung der Stadtverwaltung wieder abgenommen. Zwei Tage vor den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung (Kommunalwahlen in Preußen am 12. März 1933) forderte die in Kiel erscheinende nationalsozialistische Zeitung "Volkskampf" den Rücktritt von Oberbürgermeister Lueken und drohte mit der Besetzung des Rathauses.

Besetzung des Rathauses

Einen Tag vor den Kommunalwahlen besetzten Angehörige von SA und SS sowie des "Stahlhelm" der DNVP das Kieler Rathaus. Der amtierende Oberbürgermeister Dr. Emil Lueken, der als Mitglied der Deutschen Volkspartei (DVP) gerade ein Jahr zuvor für zwölf weitere Jahre wiedergewählt worden war, und die sozialdemokratischen Magistratsmitglieder wurden für abgesetzt erklärt. Die Geschäfte des Oberbürgermeisters übernahm der Kieler Kreisleiter der NSDAP, der Kaufmann Walter Behrens. Dieser wurde zum Staatskommissar ernannt. Zu seinem Stellvertreter wurde der Rechtsanwalt und Parteigenosse Walter Menzel bestellt. In dem später verfaßten Verwaltungsbericht der Stadt hieß es zu diesen Ereignissen: "Die volks- und staatsschädigenden Elemente wurden unverzüglich aus dem Magistrat entfernt."Kommunalwahlen

Die Wahlen am 12. März 1933 brachten dann folgendes Ergebnis: Die NSDAP wurde von über 43 % aller Kieler gewählt und errang 28 Sitze in er Stadtverordnetenversammlung. Gemeinsam mit der deutschnationalen "Kampffront Schwarz-Weiß-Rot" (8,8 % und 5 Sitze) und der "Nationalen Einheitsliste" der Vororte Holtenau, Pries und Friedrichsort (1,7 % und 3 Sitze) hatten die Nationalsozialisten die absolute Mehrheit der 64 Sitze im Kieler Stadtparlament. Die oppositionellen Sozialdemokraten (SPD) erhielten über 28 % der Stimmen (20 Sitze) und die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) wurde mit 7.6 % er Stimmen (4 Sitze gewählt. Hinzu kamen 4 Sitze (7,2 % der Stimmen) der Partei der Mieter, Siedler und Bodenreformer, "Volkswohl".Bereits Ende März 1933 wurden aufgrund des "Vorläufigen Gesetzes zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich" die Zuteilung von Sitzen auf Wahlvorschläge der KPD für unwirksam erklärt. Die vier Sitze der KPD in der Stadtverordnetenversammlung fielen ersatzlos weg. Die gewählten Stadtverordneten dieser bereits reichsweit verbotenen Partei hätten ihre Sitze auch nicht wahrnehmen können. So wurde zum Beispiel der gewählte Christian Heuck, KPD-Bezirkssekretär, schon im Februar verhaftet.

Die Stadtverordneten der SPD konnten formal ihre Tätigkeit noch ausüben; jedoch nahmen aufgrund des Terrors der Nationalsozialisten nur 11 der 20 gewählten Sozialdemokraten an der ersten Sitzung teil. Die Stadtverordnetenversammlung wählte sogar noch am 12. April 1933 einen Sozialdemokraten als unbesoldeten Stadtrat in den Magistrat der Stadt. Doch als nach dem Verbot der SPD durch einen Erlaß des Preußischen Innenministers vom 23. Juni 1933 die sozialdemokratischen Stadtverordneten mit sofortiger Wirkung von der weiteren Ausübung ihrer Mandate ausgeschlossen wurden, versagte der Regierungspräsident in Schleswig Anfang August auch dessen Amtseinweisung. Der Versuch einiger SPD-Mitglieder durch Austritt aus der Partei einen politischen Einfluß in den Gremien der Stadt zu behalten, blieb letztlich erfolglos.

Ende der Demokratie

Am 28. April 1933 "wählte" die Stadtverordnetenversammlung den Staatskommissar Behrenz zum Oberbürgermeister und Rechtsanwalt Menzel zum Bürgermeister der Stadt Kiel. Sie wurden vom Preußischen Innenminister bzw. dem Regierungspräsidenten bestätigt. Mit dem Gesetz gegen die Neubildung von Parteien vom 14. Juli 1933 wurden alle anderen Parteien außer der NSDAP verboten. Mit dem Ablauf des Jahres 1933 standen der Stadtverordnetenversammlung nach dem preußischen Gemeindeverfassungsgesetz vom 15. Dezember 1933 keine Beschlußrechte mehr zu. Oberbürgermeister und Stadträte wurden eingesetzt und nicht mehr gewählt. Ihre Tätigkeit wurde vom Gauleiter überwacht. Das "Führerprinzip" war in der Stadtverwaltung eingeführt worden.Am 20. Juli 1933 beschlossen die Stadtkollegien einstimmig, dem "Führer" Adolf Hitler das Ehrenbürgerrecht der Stadt Kiel zu verleihen. Gleichzeitig wurde auch Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Ehrenbürger ernannt.

Karl Kaufmann – Hamburgs "Führer"

Von Frank Omland

Hinweis der Redaktion:
Der folgende Text wurde im April 2001 vom Autor als Mitglied des Arbeitskreises Alternative Stadtrundfahrten des Landesjugendring Hamburg e.V. erarbeitet. Der Text ist Teil der Handreichung für neue StadtführerInnen: "Hamburg im Nationalsozialismus - Verfolgung und Widerstand - (Reader Route 1)".

Karl Kaufmann wurde am 10. Oktober 1900 als Sohn eines mittelständischen Wäschereibesitzers in Krefeld geboren und wuchs in Elberfeld (Wuppertal) auf. Nach mehrfachen Schulwechseln verließ er 1917 die Oberrealschule ohne Abschluss und meldete sich wenig später als Kriegsfreiwilliger, kam aber nicht mehr an die Front. Nach Kriegsende begann er eine Lehre im elterlichen Betrieb, brach aber nach Streitereinen mit seinem Vater diese ab und lebte fortan von Hilfsarbeiten und der Unterstützung durch seine Mutter. Dies änderte sich erst 1926 als er eine hauptamtliche Stelle bei der NSDAP antrat.

K. war von 1918/19 bis 1923 Mitglied in verschiedenen rechtsradikalen, völkisch-antisemitischen Gruppen, kämpfte u.a. in mehreren Freikorps und war an terroristischen Anschlägen beteiligt. 1922 trat er der NSDAP bei und war (wenn auch nicht direkt vor Ort) am Hitler-Putsch beteiligt. 1925 wurde er noch im Alter von 24 Jahren Gauleiter der NSDAP in Rheinland-Nord, wo er eine tiefe Freundschaft zu Joseph Goebbels entwickelte, den er als Gaugeschäftsführer eingesetzt hatte. Ein Jahr später ernannte Hitler K. zum Leiter des Großgaues Ruhr. Dieses Amt musste er 1928/29 nach parteiinternen Auseinandersetzungen niederlegen und wurde quasi als Bewährungsaufgabe am 1. Mai 1929 zum neuen Gauleiter des "roten" Hamburg ernannt.

Die NSDAP lag hier nicht nur politisch, sondern auch finanziell am Boden. K. baute sich eine Hausmacht auf, änderte die politische Linie, strukturierte die Parteiverwaltung um und knüpfte im stillen Kontakte zum Hamburger (Kaufmanns-) Bürgertum. K., der sich selbst gerne zum soldatischen Frontkämpfer aus der Arbeiterschaft hochstilisierte und als politischer Soldat und "nationaler Revolutionär" verstand, konnte sich sowohl der Parteibasis als einer von ihnen darstellen, als auch - trotz der von seiner Basis und dem Propagandaapparat vertretenen antibürgerlichen Ressentiments - sich den gutsituierten Konservativen als Bündnispartner andienen. Durch die Abschaffung der letzten demokratischen Regeln in der NSDAP und der Einführung des "Führerprinzips" gelang es ihm zudem jede innere Opposition auszuschalten und diese während der Machteroberung im März 1933 verfolgen zu lassen.

1933-1945

K. sicherte die NS-Herrschaft in den ersten Monaten durch brutalstes Vorgehen ab: So ließ er aus berüchtigten SA-Schlägern sog. "Fahndungskommandos" aufstellen, die seiner direkten Kontrolle unterstanden und beteiligte sich laut Zeitzeugenaussagen persönlich an deren Folteraktionen. Die Errichtung des Konzentrationslager Fuhlsbüttel (KoLaFu) unter dem Kommando seines persönlichen Adjutanten Ellerhusen erfolgte, weil Kaufmann das KZ Wittmoor als "zu lasch" erschien und Ausländer"jagden" im Univiertel sowie die Befreiung von Nazis aus den Gefängnissen fielen ebenfalls in seine Verantwortung. Außerdem nahm er Einfluss auf die Gestapo.

K. verfügte in der Folgezeit über eine große Machtfülle: Als Gauleiter bestimmte er über alles in der NSDAP, als Reichsstatthalter der Reichsregierung (ab 16. Mai 1933) beaufsichtigte er die Umsetzung der Reichspolitik in Hamburg, ernannte / entließ die Länderregierung und die Landesbeamten und konnte Ländergesetze erlassen. Ab 1936 war er "Führer" der Landesregierung und Chef der Staats- und Kommunalverwaltung, wodurch der antisemitische Bürgermeister Carl Vincent Krogmann degradiert wurde. Im Krieg erhielt er zudem den wichtigen Posten des Reichsverteidigungskommissars für den Wehrkreis X.

Diese Machtfülle wurde dadurch eingeschränkt, dass K. in seinen staatlichen Ämtern dem Reichsinnenminister unterstellt war und über die in Hamburg ansässigen Reichsbehörden (u.a. das Hanseatische Oberlandesgericht) keine direkte Kontrolle besaß. Außerdem führte die Anhäufung von Kompetenzen und seine Unfähigkeit zu delegieren dazu, dass K. häufig überfordert dabei war, Entscheidungen zu treffen. Sein "Regierungschaos" förderte er selbst, weil er bspw. die Verwaltung nach tagespolitischer Opportunität umstrukturierte und ein ausuferndes System von ihm direkt unterstellten Sonderbevollmächtigten schuf. Dadurch, dass er populistischen Druck auf die Verwaltung ausübte und diese sogar zu Rechtsbrüchen zwang, sicherte er sich eine gewisse Popularität in der Bevölkerung. Diese konnte einer speziellen Dienststelle Beschwerden über die Verwaltung einreichen, wenn sie sich ins Unrecht gesetzt sah. Nicht selten intervenierte K. dann zu Gunsten der Beschwerdeführenden.

K. beherrschte nicht nur diese Form, populistische Entscheidungen zu treffen. Er ging auch aus machtpolitischen Kalkül gegen die sich ausbreitende Korruption im NS-Staat und der Partei vor, um dann die "Zentralisierung der Korruptionswirtschaft" (Frank Bajohr) unter seiner Rigide zu betreiben. Über die "Hamburger Stiftung von 1937", die aus öffentlichen Geldern, Wirtschafts- und "Arisierungsspenden" gespeist wurde, kaufte er sich die Loyalität von Parteigenossen und finanzierte die soziale Patronage der "einfachen" Pgs. Diese hatte er sich auch dadurch gesichert, dass er bis 1934/35 über 10.000 sog. "Alte Kämpfer" Stellungen in städtischen Betrieben, der Verwaltung und in der Wirtschaft verschaffte - und das vor dem Hintergrund, dass in Hamburg die Arbeitslosenzahl nicht so schnell wie reichsweit herabsank

K.s Politik gegenüber der Arbeiterschaft bestand einerseits in massiver Repression, andererseits in einem autoritären Sozialpopulismus. Durch sozialpolitische Initiativen für die Hafenarbeiter, die Durchsetzung eines höheren Lohnniveaus in Hamburg als im Reich, verlängerte freie Zeiten der Beschäftigten und propagandistisch unterstützte Spendenaktionen gelang es ihm in Teilen der Hamburger Bevölkerung ein positives Bild von sich zu prägen. (Eine kommunistische Arbeiterfrau meinte bspw.: "Also an Kaufmann hab´ ich ne sehr gute Erinnerung. ... wenn der bei Hitler war, er brachte immer was mit." Anm.: Gemeint sind Lebensmittel im Krieg) Er selbst gewann durch Betriebsbesichtigungen, Gesprächen mit der Belegschaft und Reden vor dieser ein Bild von der jeweiligen Stimmungslage auf die er dann taktisch einzugehen in der Lage war.

Gegenüber der Hamburger Kaufmannschaft und Wirtschaft profilierte sich K. damit, deren Interessen vor der Reichsregierung zu vertreten. K. entwickelte einen regionalwirtschaftlichen Lobbyismus, der zu Krediten, Subventionen der Groß-Schiffahrt und Rüstungsaufträgen für die stark vom Außenhandel abhängige Wirtschaft führte. Kurz vor Kriegsbeginn setzte er sich so für die Hamburger Wirtschaft ein, dass diese massiv an der "Arisierung" des jüdischen Zwischenhandels in Wien profitieren konnte. Durch Ämterpatronage K.s konnte sie dann im Generalgouvernement Monopole aufbauen und große Gewinne einstecken.

K. war Antisemit, setzte aber aus stimmungspolitischen Kalkül heraus nicht auf Pogrome, sondern auf die "Evakuierung" der jüdischen Bevölkerung, d.h. auf Deportationen. So nutzte Kaufmann seine persönliche Stellung bei Hitler aus, um eine "Lösung der Judenfrage" einzufordern: "Im September 1941 war ich nach einem schweren Luftangriff an den Führer herangetreten mit der Bitte, die Juden evakuieren zu lassen, um zu ermöglichen, dass wenigstens zu einem geringen Teil den Bombengeschädigten wieder eine Wohnung zugewiesen werden könnte. Der Führer hat unverzüglich meiner Anregung entsprochen und die entsprechenden Befehle zum Abtransport der Juden gegeben." Danach begannen in Hamburg und auch reichsweit die Deportationen der deutschen jüdischen Bevölkerung.

Die Behauptung, dass sich K. aufgrund der Erfahrungen nach der "Operation Gomorrha" 1943 und den weiterem Kriegsverlauf entschied, "den Trümmerhaufen namens Hamburg am 3. Mai 1945 kampflos zu übergeben." (Frank Bajohr), hat sich als geschickte Legendenbildung herausgestellt. (vgl. Asendorf und dagegen Bajohr). K. hat diese selbst gestrickte Legende aber für sich im Nachkriegs-Hamburg geschickt einzusetzen können. Bis Oktober 1948 blieb K. in Internierungshaft der Briten, wurde dann aus gesundheitlichen Gründen entlassen und engagierte sich bis 1953 in verschiedenen rechtsextremen Gruppen. Nachdem die Hamburger Staatsanwaltschaft eine Anklageschrift gegen ihn verfasst hatte, wurde das Hauptverfahren allerdings nicht mehr eröffnet. [Der Grund geht aus der Literatur nicht hervor.]

Karl Kaufmann starb am 4. Dezember 1969  als gut situiert lebender Kaufmann in Hamburg.

Literatur:

Frank Bajohr:
Hamburgs "Führer". Zur Person und Tätigkeit des Hamburger NSDAP-Gauleiters Karl Kaufmann (1900 -1969). In: Bajohr/Joachim Szodrzynski (Hrsg.): Hamburg in der NS-Zeit. Forum Zeitgeschichte Band 5. Hamburg: Ergebnisse Verlag, 1995, S.59 - 91.

Thomas Krause:
Hamburg wird braun. Der Aufstieg der NSDAP 1921 - 1933. Hamburg 1987.

Manfred Asendorf:
1945. Hamburg besiegt und befreit. Landeszentrale für politische Bildung. Hamburg 1995.

Verletzungen.
Lebensgeschichtliche Verarbeitung von Kriegserfahrungen. Herausgegeben von Ulrike Jureit und Beate Meyer für den Hamburger Arbeitskreis oral history. Dölling und Galitz, Hamburg 1994.